Die Selbstanzeige des Lothar Malskat

Auch Lothar Malskat hatte ein hartes, entbehrungsreiches Leben hinter sich, bevor er seine Bestimmung zum „gotischen Genie“ entdeckte.

Im dritten Reich wurde der Gelegenheitsarbeiter als Malergehilfe bei einer Kirchenrestaurierung angestellt. Sein Chef Dietrich Fey sollte gotische Wandfriese freilegen, von denen kaum noch Reste vorhanden waren. Die Angst vor der Wut der Nazi-Ideologen, die viel Wert auf das „völkische Erbe“ legten, war groß. Da entdeckte Fey das malerische Talent seines Handlangers. Malskats Nachahmungen gotischer Wandmalerei wurden nach Fertigstellung als Meisterleistung der Restauration gefeiert.

EngelKurz darauf mußte der „junge Gotiker“ an die Front. Nach Kriegsende versuchte er sich als Fälscher auf dem Schwarzmarkt. Die ehemaligen „Entarteten“ standen hoch im Kurs, doch Malskat mußte erfahren, daß Nolde und co nicht seine Stärke waren.

Seine große Stunde kam, als sein ehemaliger Chef einen neuen Auftrag hatte. In der Marienkirche von Lübeck sollte ein gotischer Wandfries freigelegt werden. Dietrich Fey, inzwischen als Gotik-Experte gehandelt, ließ Lothar Malskat die „Wiederherstellung“ nach bewährtem Prinzip erledigen. Malskat identifizierte sich inzwischen ganz mit dem Geist der Gotik, nur versah er die mittelalterlichen Engel mit Gesichtern zeitgenössischer Schauspieler. Aber nicht einmal das störte die weltweit angereisten Experten.

Die Gäste auf der Eröffnungsfeier waren rundum glücklich über die farbenfrohen Wandmalereien, bis auf einen, Malskat selbst. Denn der wurde als Gehilfe nur mit einem Bier abgespeist, während Dietrich Fey mit Sektglas in der Hand als Deutschlands größter Gotik-Restaurator gefeiert wurde. Da packte den Künstler die Eifersucht und öffentliche Anerkennung wurde ihm wichtiger als persönliche Freiheit. Er schritt zur Selbstanzeige. Das Resultat: Sein Chef Dietrich Fey ging mit ihm für eineinhalb Jahre in den Knast. Die Fachwelt war blamiert. Die Lübecker Kirchenmalereien, noch eben als Wunderwerk erhaltener Gotik gefeiert, wurden nun als unsittliche und wertlose Pinseleien eines Malergehilfen abgewischt.

Lothar Malskat starb 1988 allein mit drei Hunden am Stadtrand von Lübeck. Seine Geschichte wurde von Günter Grass im Roman „Die Rättin“ verarbeitet.

Die detailierte Geschichte der Lübecker Fälschungen findet sich im Archiv der Zeit
galerie-ausstellung Impressum    Pressestimmen
Lothar Malskat - Fälscher - Gotik - Kirchenmalereien - Die Rättin